SICHER IST SICHER. CoC Assekuranz-Makler GmbH

Versicherung ohne Geschlecht

27.06.2011

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom 1. März dieses Jahres zu Unisex-Tarifen bereitet der Branche erhebliche Kopfschmerzen, wie ein Fachgespräch in Berlin zeigte.

Mit Blick auf Ende 2012 beschäftigen sich die Versicherer mit den Folgen des Zwangs zu geschlechtsneutralen Tarifen und entwerfen Szenarien, wie diese Unisex-Tarife aussehen könnten. Klar ist noch nichts.

In seinem Urteil (C 236/09) erklärte der Europäische Gerichtshof (EuGH), dass Artikel 5 Absatz 2 der europäischen „Richtlinie 2004/113/EG zur Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichbehandlung von Männern und Frauen beim Zugang zu und bei der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen“ ab dem 21. Dezember 2012 ungültig ist.

Dort steht, dass geschlechtsspezifische Unterschiede dann zulässig seien, „wenn die Berücksichtigung des Geschlechts bei einer auf relevanten und genauen versicherungsmathematischen und statistischen Daten beruhenden Risikobewertung ein bestimmender Faktor ist.“

Bestand bleibt wahrscheinlich unberührt

Mit den Auswirkungen dieses Urteils auf unterschiedliche Sparten der Versicherungs-Wirtschaft befasste sich ein Fachgespräch des Vereins zur Förderung der Versicherungswissenschaft Berlin am Mittwoch. Daraus ergebe sich laut Professor Dr. Hans-Peter Schwintowski von der Humboldt-Universität Berlin die Konsequenz, dass bis zum 20.12.2012 geschlechtsdifferenzierende Tarife beibehalten werden können und alle bis dahin geschlossenen Verträge gültig seien.

Allerdings stelle sich die Frage, ergänzte Roland Weber, Vorstand der Debeka Versicherungen, ob Verträge betroffen seien, die nach dem 21.12.2007 geschlossen worden sind – dieses Datum nennt die Richtlinie als Deadline, ab der unterschiedliche Tarife von Männern und Frauen nur noch als Ausnahme akzeptiert werden – und über den 21.12.2012 hinaus laufen. „Wir gehen im Moment allerdings davon aus, dass der Bestand nicht betroffen ist“, macht er die herrschende Expertenmeinung der Branche deutlich.

Nicht interpretieren, sondern kalkulieren

Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die vor allem in den Personenversicherungen relevant sind, seien nicht von der Hand zu weisen. Vor allem nicht die Tatsache, dass Mädchen, die heute geboren werden, durchschnittlich sechs Jahre länger leben werden als gleichaltrige Jungen beziehungsweise Männer.

Als Mathematiker sei es aber nicht seine Aufgabe, Gründe für Unterschiede zu interpretieren, sondern die anstehenden Veränderungen in die Tarife einzukalkulieren. Fest steht: Geburtsdatum und Geschlecht sind die einzigen objektiven, dauerhaft konstanten und eindeutig feststellbaren Kalkulationsmerkmale. Damit gelinge es, ein optimales Preis-Leistungs-Verhältnis mit den geringsten Sicherheitszuschlägen hinzubekommen.

Bestands-Mix mit vielen Frauen ungünstig

Die Lehren aus der Umstellung der Riester-Verträge auf die Unisex-Welt habe gezeigt, so Weber weiter, dass Unternehmen mit vielen Frauen im Bestand bestraft würden. So sei die Debeka, die knapp zwei Drittel Frauen im Bestand habe, in der Bewertung des Riester-Tarifs von Platz 3 auf Platz 12 abgerutscht. Da die Beiträge der Frauen sinken, die der Männer aber steigen, schließen weniger Männer Verträge ab, sondern suchen sich alternative Möglichkeiten zur Altersvorsorge.

Besonders kompliziert sei eine Umstellung in der privaten Krankenversicherung. Bei einer Anpassung analog zum Jahr 2007, als die Schwangerschafts- und Entbindungskosten auf Männer und Frauen verteilt werden mussten, hätten die anstehenden Anpassungen ungleich größerer Auswirkungen. Vor allem ältere Frauen, die viele Jahre höhere Beiträge als Männer gezahlt hätten, würden unter Umständen doppelt bestraft, weil deren Beiträge nun erneut erhöht werden müssten.

Ob dieser Effekt durch Umverteilung der kollektiven Altersrückstellung oder neue Zuschläge in der Kalkulations-Verordnung (KalV) erreicht werde, sei noch offen. In jedem Fall sei eine Gesetzesänderung unerlässlich.

Andere Tarifierungsmerkmale stärker bewerten

Weniger dramatisch zeigen sich die Auswirkungen auf die Kraftfahrt-Versicherung, wie Uwe Schumacher, Vorstandsvorsitzender der DirectLine, darstellte. Zwar spielen auch hier bisher geschlechtsspezifische Differenzierungen eine Rolle, doch könnte deren Wegfallen leicht durch die Neuausrichtung anderer Tarifierungsmerkmale ausgeglichen werden. Vor allem bei Fahrern älter als 24 Jahre spielen schon jetzt Alter, SF-Klasse, Typklasse und Fahrleistung eine wesentlich größere Rolle bei der Beitragsfestsetzung. Unterm Strich müssten junge Frauen wahrscheinlich mehr, ältere hingegen weniger als bisher zahlen.

Um das auszugleichen könnten andere Kriterien stärker bewertet werden. So haben Männer meist eine deutlich höhere Fahrleistung als Frauen – vor allem mit zunehmendem Alter –, und fahren zudem Autos mit deutlich größerem Hubraum.

Zurück